"Wir wollen heute DANKE sagen"

30.09.2015 DruckversionPDF

Herzlichkeit mit anfängliche Schüchternheit und dann in vielen Gesprächen vertieft, so war die Stimmung am Frühabend diesen Montag hinter dem Haus in der Dr.-Altmann-Straße.



Fotos: Torsten Pötzsch / Teaser-Foto LR


LAUSITZER RUNDSCHAU 30.09.2015

Eine Völkerverständigung, die vor allem durch den Magen geht

Syrische Flüchtlinge kochen für Hausbewohner und Ehrenämtler / Musik und traditionelle Kost / Reber Jojan: Heute wollen wir einfach allen Danke sagen

Weißwasser Syrische Flüchtlinge haben Nachbarn, Offizielle und Ehrenämtler am Montag zu einem Essen eingeladen. Bei Speis und Trank sind sich Weißwasseraner und Asylsuchende ein Stück näher gekommen.


Reber Jojan singt kurdische und arabische Lieder zum Abschluss des Essens. Foto: Köhler

Die Hausbewohner Rica David und ihre Tochter sowie Renate Nerlich sind begeistert. Die vorbereitete Tafel duftet nach Süßem und Herzhaftem. Ein Hauch von orientalischen Gewürzen liegt in der Luft. "Ich finde das klasse", sagt Rica David. Sie komme mit den jungen Syrern gut zurecht, habe keine Probleme. "Am Anfang war mir schon ein wenig mulmig", gibt sie zu, aber sie denke gar nicht ans Ausziehen. "Das sind so nette Menschen, die kann man nur gern haben", erklärt sie.

Einer von ihnen ist Jihad Kashlan. Er ist ursprünglich aus Damaskus, der Hauptstadt Syriens. "Wir haben hier vier Wohngemeinschaften und jede hat heute etwas gekocht", erzählt er mit einem Lächeln. Er freut sich darüber, in Weißwasser zu sein. "Es ist ein schöner, ruhiger und vor allem sauberer Ort", sagt Jihad. Derzeit wartet er noch auf die Entscheidung über seinen Asylantrag, bis dahin versucht er, deutsch zu lernen. "Ich habe mir einige Apps aufs Handy heruntergeladen", berichtet der 26-Jährige. Bei fast jedem englischen Wort schaut er, wie es auf Deutsch heißen muss. "Sprache ist das Wichtigste für mich", erklärt der Syrer. Jihad Kashlan wolle sein Ökonomie-Studium fortsetzen, das er bereits in Syrien begonnen hat. Einen Deutschkurs besucht er auch. "Aber der ist nicht täglich, deshalb bringe ich mir viel selbst bei", erzählt er und spricht deshalb die Nachbarn an. "Sie wollen, dass wir uns mit ihnen unterhalten", sagt Renate Nerlich und fügt an: "Wie sollen sie sonst unsere Sprache oder unsere Kultur kennenlernen?"

Reber Jojan spricht schon besser deutsch. Er ist ebenfalls aus Syrien, allerdings aus Allepo. Sein Asylantrag wurde bereits bewilligt. "Ich bleibe in Weißwasser", sagt er. Reber fühle sich hier wohl, hat einen täglichen Deutschkurs und fühlt sich angekommen. "Ich habe in Syrien Jura studiert", berichtet er, "und ich hoffe, dass ich mein Studium hier beenden kann." Dazu allerdings muss auch er die Sprache beherrschen, sich an die Kultur gewöhnen. "Heute wollen wir einfach allen Danke sagen, die uns hier so herzlich aufgenommen haben."

Herzlich ist auch das Beisammensein an diesem Nachmittag. In lockerer Atmosphäre erklären die Syrer, was sie heute gekocht und gebacken haben. Da wäre zum einen das Gericht "Shakria". Es besteht aus einer Art herzhaftem Joghurt, der zusammen mit Rindfleisch gebacken wurde. "Das ist ein Gericht aus meiner Heimatstadt", erklärt Jihad. "Maqloba" dagegen wird mit Reis, reichlich Kurkuma – ein Gewürz, das ähnllich wie Ingwer schmeckt – Auberginen und Rindfleisch gemacht. Alle Zutaten werden dann übereinander geschichtet und schließlich umgedreht auf einen Teller gestülpt und hübsch mit Salat angerichtet. Natürlich dürfen Salate, kleine Obst- und Gemüseteller ebenfalls auf der Tafel nicht fehlen. "Wir haben auch einige Desserts zubereitet", erzählt Jihad und zeigt auf etwas, das die Syrer die "Die Süße des Käses" nennen. Es besteht aus süßem Quark, der in einem Teigmantel gebacken wurde. "Das isst man in Homs", erklärt Jihad Kashlan. Zudem gibt es süßes Gebäck, das aus Honig, Milch und Käse gemacht ist. "Beehive" heißt das in Syrien.


Probieren geht über Studieren: Satt sind an diesem Nachmittag alle geworden. Foto: Köhler

"Ich empfinde die Flüchtlinge als wertvolle Bereicherung", erklär Barbara Koschka vom Deutschen Roten Kreuz (DRK). Es sei schön, dass die Leute dankbar sind. Das könne man von manchem Deutschen nicht erwarten. Ilona Donath vom DRK freut sich, dass manche der Syrer bereits ihren Asylantrag bewilligt bekamen. "Es gehen auch nicht alle weg", sagt sie. Viele würden Weißwasser zwar wieder verlassen, aber zumindest in der Lausitz bleiben.

Inzwischen sind die Teller geleert, und Reber Jojan nimmt sich eine Gitarre und spielt los. Klatschen setzt ein, einige Hausbewohner tanzen. "Es ist schön, in Frieden zu leben", sagt Jihad. Dem widerspricht heute niemand.

Christian Köhler


SÄCHSISCHE ZEITUNG 30.09.2015

Auf gute Nachbarschaft

In Weißwasser laden Flüchtlinge zu einem fröhlichen Dankeschönessen – mit einem weinenden Auge.

Von Thomas Staudt


Lecker: Renate Nerlich kostet von Mahmut Helals Malube, ein Gericht aus Reis, Fleisch und Auberginen. Die beiden sind Nachbarn – vermutlich auf Zeit. Viele der syrischen Flüchtlinge wollen nicht auf Dauer in Weißwasser bleiben. Foto: André Schulze © andré schulze

Jarah Majid hat Mendi gekocht. Gern erklärt der junge Syrer, wie er den Reis zubereitet, mit Kurkuma und Curry gewürzt und über offener Flamme geräuchert hat. Wenn die Worte fehlen, muss Moustapha Allam einspringen. Er ist schon länger in Deutschland und wechselt fließend zwischen Deutsch und Arabisch hin und her. „Probieren Sie, probieren Sie!“ Jarahs Aufforderung auf Englisch duldet kein Nein. Alle Achtung, nicht nur sein Mendi ist ein Gedicht, von dem eine Strophe definitiv nicht genug ist. Jarah hat auch drei verschiedene Nachspeisen, eine köstlicher als die andere, zubereitet. Und doch ist er kein Koch. In Syrien hat er sein Geld als Klempner verdient. Auch keiner der anderen Männer und keine der Frauen, die für ihre neuen Nachbarn an diesem Tag am Herd standen, hat Kochen professionell gelernt.

Da ist Mahmut. Von ihm stammt das Malube, ein Gericht aus Reis, Rindfleisch und Auberginen. Eigentlich ist er Friseur. Reber hat Jura studiert. Samer ist Dekorateur und hat als Schuhverkäufer gearbeitet. Er ist ein kreativer Kopf. Er bereichert das Fest mit einigen seiner Bilder, die er einfach auf Stühle gestellt hat. Oberbürgermeister Torsten Pötzsch bekommt eines davon verehrt, bevor er geht. Oder hat er dafür bezahlt? Was Chaled – er ist knapp 62 und mit Abstand der Älteste – gelernt hat, spielt spätestens dann keine Rolle mehr, als er zu den Klängen eines Tamburs, einer Art Mandoline, zu tanzen beginnt.

Zwanzig syrische Flüchtlinge wohnen in dem Haus in der Nähe des Weißwasseraner Marktplatzes. In jeder Wohnung fünf, erklärt Ilona Donath. Sie betreut für das Deutsche Rote Kreuz bisher 107 Flüchtlinge. Am diesem Mittwoch kommen die nächsten. Bis zu 250 sollen es laut Prognose des Landratsamtes werden. Viel zu tun für Ilona Donath. Die Mitfünfzigerin spricht weder Arabisch noch Englisch und könnte die Mutter der jungen Männer sein. Das und ihr zupackendes Wesen verschaffen ihr Autorität. Wenn es sein muss, wird sie auch mal energisch. Zur Not ist Moustapha da, um zu übersetzen. Meistens jedenfalls.

Bürgerpolizist Thomas Hanzig bedient sich an der reichlich gedeckten Tafel. Ganz in der Nähe genießt Rica David das Szenario. Auf dem Schoß balanciert sie einen Teller und lächelt. Sie wohnt erst seit Juli in dem Haus. Abgesehen von ihrer Tochter und Nachbarin Renate Nerlich ist sie die einzige Deutsche im Haus. „Wir hatten anfangs Bedenken, als es hieß, Flüchtlinge sollen hier einziehen“, erzählt sie. Bedenken? „Einfach Angst vor dem Unbekannten.“ Zuerst zieht eine syrische Familie ein. Aber dann kommen nur noch Alleinstehende, vor allem junge Männer. Die Bedenken werden größer. Was in dieser Situation hilft, ist die Erkenntnis, dass auch die neuen Nachbarn nicht wissen, wie sie den Deutschen begegnen sollen. Auch sie sind verunsichert. In die Augen gucken oder wegsehen? Laut grüßen oder einfach nur nicken? Und wenn grüßen, in welcher Sprache? Was sagen? Noch immer regieren Vorsicht und ein gesundes Misstrauen. Auf beiden Seiten, das ist zu spüren. Aber das Eis ist längst gebrochen. Der kleine Sohn der Familie stand öfter am Fenster. Als Davids anfingen zu winken, winkte er zurück. So einfach kann Kommunikation sein.

Das Wohnhaus gehört Horst Mäder. „Ich war in der kurzen Zeit schon zweimal hier und habe gefragt, ob irgendetwas fehlt.“ Alles sei in Ordnung, erhielt der Taxiunternehmer und Ex-Stadtrat jedes Mal zur Antwort. Und dann gibt es doch eine Lücke. Der Junge hat kein Spielzeug. Mäder wird ihn am nächsten Tag abholen und mit ihm einen Spielzeugladen besuchen.

Samer, der Künstler, der geschmackvoller gekleidet ist als ich, steht bei seinen Bildern. Ein Jahr hat der 40-Jährige bis nach Deutschland gebraucht. Seine Frau und die drei Kinder sind in Syrien geblieben. Ist das zu direkt, wenn ich frage, wie sich das anfühlt? „Das ist jetzt nicht Ihr Ernst!“, sagt er ungläubig in fließendem Englisch. Dann füllen sich seine Augen mit Wasser. Gerade hat er noch gelächelt. Nun ringt er um Fassung. Als er wieder sprechen kann, sagt er stockend: „Sie sehen hier fröhliche Menschen und lachende Gesichter.“ Dann klopft er sich leicht auf die Brust. „Aber wie es hier drinnen aussieht, weiß niemand.“

 

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